Editorial

„Und siehe, es sind Letzte, die werden
die Ersten sein, und sind Erste, die
werden die Letzten sein.“
Lukas 13,30.



Pastor Johannes Link


Es gibt für mich nicht viel Schlimmeres, als zu spät zu kommen. Das ist schon bei kleinen Verspätungen so. Wenn es um einen Termin in der Nähe geht, reichen schon 5 Minuten und ich fühle mich unwohl. Über längere Strecken ist es nicht viel besser. Meine Frau und ich haben Freunde in Bielefeld und wenn wir die besuchen, dann fühle ich mich ab einer Verspätung von 10 Minuten wie der schlechteste Gast, den man sich vorstellen könnte. Das führt dann oft dazu, dass ich, um ja nicht zu spät zu kommen, völlig falsche Zeitpläne mache. Ich möchte um drei an der Kirche sein, also muss ich um viertel vor drei zuhause los fahren. Also muss ich spätestens um zwanzig vor drei anfangen mich fertig zu machen. Schuhe anziehen, Schlüssel suchen, wer weiß, wie lange das dauert. Wer so plant, der muss sich nicht wundern, wenn er dann um zehn vor drei an der Kirche steht und sonst noch keiner da ist.

Wer öfter mal zu spät irgendwohin kommt, hat die Monatslosung für den September bestimmt schon einmal gehört. „Macht nichts, die Letzten werden die Ersten sein“. Wer pünktlich, aber dafür vielleicht nicht besonders sportlich ist, kennt sie ebenfalls. „Deine Mannschaft und du sind beim Turnier letzte geworden? - Die Letzten werden die Ersten sein!“ Ein praktischer Satz. Er passt oft so einigermaßen, auch wenn oft nicht ganz klar ist, was er eigentlich aussagen soll. 18 Worte immer passender Trost. Zumindest solange man zu „den Letzten“ gehört. Aber was ist eigentlich mit den Ersten? Die würden sich über dieses Sprichwort wohl ganz schön ärgern. „Du hast gewonnen? Schön, aber eigentlich werden die Ersten die letzten sein.“ Das klingt gemein. Aber wenn man die Bibelstelle nachschlägt, aus der die Monatslosung kommt, dann sieht man: Sie richtet sich tatsächlich an Menschen, die sich für „Erste“ halten: Die Jünger Jesu.

So kann man die Monatslosung also auch verstehen, als Mahnung: Auch
wenn du gerade ziemlich zufrieden mit dir bist, sei immer bereit auch noch einmal kritisch über das, was du tust nachzudenken. Das ist schwer verdaulich, viel komplizierter als die Aufmunterung, die mit dem Spruch meistens gemeint ist. Aber es ist auch etwas, über das es sich lohnt nachzudenken. Nicht umsonst ist die Passage, aus der die Bibelstelle entnommen ist, auch ein Predigttext. Das nächste Mal wird über diese Stelle allerdings erst 2019 gepredigt, genauer gesagt am 20.11.2019, dem Buß- und Bettag. Wen diese sperrigen Worte also noch weiter interessieren und wer dazu noch gerne langfristig plant, der kann sich diesen Termin schon mal in den Kalender eintragen.

Moritz Junghans