Liebe Leserin, lieber Leser
Ich schaue auf die Uhr. 20:33 Uhr. Gestern war es 20:35 Uhr. Schon wieder geht die Sonne zwei Minuten früher unter. Morgen wird sie eine Minute später aufgehen. Langsam, fast unmerklich verändern sich die Tage – und doch spüre ich es: Das Licht zieht sich zurück. Der Sommer nimmt Abschied. Der Herbst begrüßt uns.
Letzten Sommer war ich eine ganze Woche lang nördlich des Polarkreises. Dort war es immer hell – 24 Stunden, sieben Tage lang. Anfangs war das seltsam. „Ich möchte, dass die Sonne mal wieder untergeht.“, sagte ich da noch. Wie soll man einschlafen, wenn es nicht dunkel wird? Kein Tagesrhythmus mehr, zumin-est nicht vorgegeben durch die Sonne.
Nach ein paar Tagen habe ich dieses Licht lieben gelernt. Ein Gefühl von Leichtigkeit stellte sich ein. Passend zur Freiheit des Urlaubs. Ich hätte nachts wandern gehen können – das Dunkel bedrohte mich nicht. Als wir wieder Richtung Süden fuhren, merkte ich: Es machte mich traurig. Traurig, dass die Nächte zurückkehrten, dass das Licht schwä-cher wurde, dass die Sonne wieder untergeht.
Das Gefühl der Sehnsucht auf dieser Rückfahrt streckt sich für mich in die kommende Zeit. Es wird dunkler. Ruhiger. Nachdenklicher. Das Kirchenjahr geht auf das Ende zu. Es endet mit dem Totensonntag. Totengedenken. Wir erinnern uns an die, die wir verloren haben. Da wird es dunkel, auch in uns: Trauer, Erinnerung, Sehnsucht. Wir spüren: Unser Leben ist vergänglich, wie das Licht des Sommers.
Doch: Unser Leben endet nicht mit dem Dunkel des Todes. Der Totensonntag trägt einen zweiten Namen: Ewigkeitssonntag. Das Dunkel bleibt nicht ohne Antwort. Wir hören Gottes Verheißung: Von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, ohne Tod, Leid und Schmerz. Wir hören Jesu Worte: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12). Wir glauben an ein Licht, das nicht mehr untergeht. An eine Sonne, die nicht mehr müde wird. An das ewige Leben, in dem Trauer und Tod ihr Ende finden.
Wenn ich mit diesen Gedanken an meine Zeit am Polarkreis zurückdenke, überlege ich: Vielleicht war das ein Vorgeschmack. Vielleicht ist es so ähnlich bei Gott. Hell. Unbeschwert. Frei. Das Dunkel bedroht uns nicht mehr.
Die Sonne mag sich zurückziehen. Gottes Licht bleibt. Ein Zeichen kommt direkt nach dem Totensonn-tag. Damit endet dieser Gemeindebrief: 1.Advent. Der Advent beginnt.
Die Tage werden zwar nicht heller. Aber die ersten Lichter erscheinen.
Kerzen werden entzündet, Sterne aufgehängt, es leuchtet in den Fenstern. Das Licht kommt. Christus kommt. Im Laufe des Jahres wird es wieder heller werden. Und bei Gott erst recht. Ganz bestimmt.
Ihre Pastorin Judith Bollongino